Noch hipper als Vinyl: Musikproduktion auf Musikkassette

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Alle wollen wieder analog. Vinyl, analoge Fotografie, die alte Schreibmaschine. Alles, was irgendwie nach guter alter Zeit und auch ein bisschen nach Handwerk aussieht, geht gerade ab wie Zäpfchen. Davon profitiert derzeit auch die gute alte MC. Eigentlich schon ein über 50 Jahre altes Medium, das aber immer noch topaktuell ist und von vielen auch als noch hipper als Vinyl eingestuft wird. Wer sich mit seiner Produktion also heutzutage wirklich von der Konkurrenz absetzen will, setzt bei der Musikproduktion auf die Musikkassette. Wir erklären euch, was dieses Medium auch heute noch so reizvoll macht, welches Label noch ausschließlich auf die kleinen Bänder setzt, wo ihr auch heute noch eure Musik auf MC produzieren lassen könnt und mit welchen Kosten ihr in etwa rechnen müsst.

Leicht und transportabel

Am 28. August 1963 präsentierte das niederländische Unternehmen N.V. Philips’ Gloeilampenfabrieken auf der 23. Internationalen Funkausstellung in Berlin erstmals das damals völlig neuartige Medium, die Musikkassette. Zuvor musste die Musik umständlich auf Bänder oder auf Schallplatte aufgenommen werden – häufig ging das nicht ohne nervenaufreibenden Bandsalat. Die MC ermöglichte erstmals die preiswerte Aufnahme von Musik, auch wenn das erste Gerät für dieses Medium, der legendäre “Philips taschen-recorder 3300″ damals stolze 299,- DM kostete. Spätestens als Sony 1979 den ersten Walkman vorstellte, konnte man auch mobil Musik genießen und hatte immer seine Lieblingstracks dabei. Im Jahr 1991 wurden alleine in Deutschland 78,4 Millionen MCs verkauft. Die Faszination und den Grund für die schnelle Verbreitung des Mediums beschrieb HiFi-Spezialist Gert Redlich, der vom Tonband über die Schallplatte bis hin zur Kassette alle möglichen Abspielgeräte sammelt und ausstellt, laut welt.de einmal so: „Das Format war billiger und praktischer als alles bislang da gewesene.“ Ganz einfach. Doch ist es auch genau das, was die MC für viele Leute auch heute noch hipper als Vinyl erscheinen lässt?

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Was sind die Vorteile der Kassette?

Dass die Musik auf der Musikkassette billiger und praktischer unterzubringen war, sorgte für ihren schnellen Siegeszug, aber eben auch für ihren schnellen Untergang. Erst kam die praktische CD, die dann wiederum von mp3 und den Streamingdiensten wie spotify und Co. abgelöst wurde. Was aber hat nun dafür gesorgt, dass sich die Faszination dieses Mediums bis heute hält und wir es nicht nur noch als Hülle fürs Smartphone oder als T-Shirt-Aufdruck kennen? Zum einen sind Kassetten auch heute in der Anschaffung und der Duplikation äußerst günstig. Das sorgt dafür, dass manche Bands wie Choclip aus Neuwied oder Die Nerven aus Stuttgart ihre Musik auch wieder auf Tape pressen lassen. Die bringen ihre Musik zwar auch auf digital oder auch auf Schallplatte heraus, aber eben auch auf Kassette. Und die spielt bei einem Konzert vollends ihre Stärken am Merchstand aus. Überlegen sich manche Leute vielleicht noch, ob sie eine CD für 15 Euro oder eine Platte für 20 Euro mitnehmen, so kann das Tape auf Grund der geringen Produktionskosten für 5 Euro angeboten werden. Ein Preis, bei dem kaum einer überlegt und einfach zuschlägt. So können gerade auch kleine und nicht über ein riesiges Budget verfügende Bands ihre Musik schnell, günstig und vor allem kultig weiterverbreiten. Mit einer Kassette hebt man sich als Band in der digitalen Musik-Wüste einfach ab und setzt sich somit im Gedächtnis der Musikfreunde fest. Aber natürlich sollte man als Musiker auch nicht so weltfremd sein und nur die Kassette verkaufen. Genauso wie bei der Schallplatte gehört der Downloadcode heute einfach zum Produkt mit dazu. So kommen sich analog und digital nicht in die Quere.

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Wie komme ich als Band nun an die eigene Kassette und wer übernimmt für mich noch die Musikproduktion auf Musikkassette?

Neben dem geringen Herstellungspreis ist auch die Tatsache, dass Kassetten schon meist ab einer Auflage von 50 bis 100 Stück von den Unternehmen hergestellt werden, ein weiterer Vorteil dieses Mediums. Ihr müsst also keine riesigen Mengen bestellen, die dann über Jahre im Proberaum lagern, sondern ihr könnt nur so viel produzieren lassen, wie ihr eben denkt, loszuwerden. Aber wo bekommt man nun eigentlich noch Kassetten her? Wenn ihr es ganz sehr DIY wollt und eure Musik selber auf Band spielen wollt, dann bekommt ihr die Rohlinge beim großen Versandriesen amazon der natürlich auch bei eBay. Wer es ganz billig will, hat dort oftmals das Glück, gebrauchte und schon bespielte Tapes massenhaft zu günstigen Preisen zu finden, die dann wieder überspielt werden können und nur noch ein neues Design verpasst bekommen sollten. Wem das zu verspielt, zu amateurmäßig und zu aufwändig ist, der kann die Produktion natürlich auch den Profis überlassen. Ich habe für euch mal das Netz durchstöbert und einige Firmen herausgesucht, die eure Musik aufs Band bannen. Zum einen wäre da Audio Service aus Leipzig, bei denen ihr aus einer großen Auswahl an Kassettenrohlingen auswählen könnt. Verschiedene Plastikfarben, verschiedenfarbige Drucke und natürlich, ganz wichtig, ihr könnt auch bei der Spiellänge eures Tapes variieren. Von 2 mal 5 bis 2 mal 50 Minuten ist so gut wie alles möglich. Hier könnt ihr sogar schon Kleinstauflagen ab 50 Stück realisieren lassen. Weitere Unternehmen für Kassettenproduktionen sind Dreiklang aus Hamburg oder die Diskmaster GmbH aus Stockdorf bei München. Auch die Firma EPH Marek aus Ulm bietet den Vertrieb der bespielten Datenträger sowie Dienstleistungen im Bereich der Produktion von Medienträgern an. Bei diesen Firmen müsst ihr euch einfach mal ein unverbindliches Angebot, das zu euren Anforderungen passt, einholen. Bei den Produktionskosten könnt ihr in Abhängigkeit von Spiellänge und Aufdruck grob mit 1,50 bis 2,00 pro Kassette rechnen, so dass dann bei einem Verkaufswert von 5,00 Euro pro Stück auch was euch als Künstler hängen bleibt.

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Klingt das überhaupt und wer hilft mir beim Vertrieb?

Ist eure Musik hochwertig und sorgfältig aufgenommen wurden, wurde sie mit moderner Technik auf ein gutes Bandmaterial gebracht, so steht der Hörgenuss einer Kassette heutzutage dem Klang einer CD in nichts nach. Genau wie bei der modernen Schallplatte knackt und knarzt auch bei der modernen MC nichts mehr, wenn erfahrene Profis die Produktion in die Hand genommen haben. Die Zeiten von Rauschen und Knacken auf dem Band sind zum Glück schon lange vorbei. Kassetten werden, wie früher auch schon, heute vor allem im Punkrock und Hardcore, aber auch in der elektronischen Musik immer noch gerne als Medium verwendet. Labels wie Sichtexot in Mainz zum Beispiel, Twisted Chords in Karlsruhe, Camp Magnetics in Köln, Econore, Yehonala Recordings und Greatberry Tapes in Berlin, Wilhelm Show Me The Major Label in Wien oder das In Gute Hände-Label in Augsburg lassen auch heute noch Musik auf Tape bannen. Und das kleine, holländische Indie-Label Tartarus Records, hauptsächlich auf Black Metal und Doom spezialisiert, veröffentlicht seine Releases ausschließlich auf MC. Das dieses Medium noch lange nicht tot ist, verdeutlicht auch die Tatsache, dass neben dem bekannten Record Store Day im vergangenen Jahr auch erstmals in Deutschland am 17. Oktober 2015 ein Cassette Store Day über die Bühne ging. Genau wie beim großen Bruder gab es auch hier streng limitierte Sonder-Releases, um die Sammler und Käufer in die Läden zu locken. Dennoch täuscht das alles nicht darüber hinweg, dass die Kassette trotz dieses kleinen Revivals auch weiterhin ein liebenswertes Nischenprodukt bleiben wird. Dennoch fasste Jeans Team-Bandmitglied Franz Schütte vor kurzem in einem Interview bei detektor.fm die Faszination dieses Formats so wunderbar zusammen: „Ein Tape kann man überall hinschleppen oder in ein schönes Regal stellen. Dann nimmt man es raus, spielt es und hat es in der Hand. Man kann sich dabei das Cover anschauen und hat das Gefühl man widmet seine Zeit gerade diesem Tape. In diesem Moment hat man eine schöne Zeit mit der Musik. Alles andere ist nicht vergleichbar. Wenn man eine Playlist laufen lässt hört man alles nur durcheinander.“

Bilder: © stuart.childs, Marco Raaphorst, Flickr, Die Nerven, Tumblr

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