Spotify, Apple Music & Co: Schadet Streaming den Musikern?

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Die Diskussionen um Spotify, Apple Music & Co könnten kontroverser kaum sein und erinnern an stundenlange Debatten über Atomkraft, TTIP oder über das Stillen von Kindern in der Öffentlichkeit. Die einen empfinden die Vorstellung, dass man die Musik seiner Lieblingsband immer und überall hören kann, weil man das Smartphone ja sowieso immer in der Tasche hat, als heilsbringenden Beitrag zur inneren Seelenruhe. Die anderen sehen darin schon den Untergang des musikalischen Abendlandes heraneilen. Goldgräberstimmung oder Totengräberlaune – schadet Streaming den Musikern?

Gleich vorweg, eine universelle Antwort auf diese weitgreifende Frage haben auch wir nicht parat, aber wir versuchen hier die Diskussion aus verschiedenen Standpunkten aus etwas zu erhellen und ein paar nützliche Tipps zu geben.

Das spricht für die Nutzung der Streaming-Dienste

Musik-Streaming ist einfach eine günstige und ubiquitäre Alternative zum Musikhören auf CD oder auf Vinyl. Gestreamte Musik lässt sich dank der nahezu unbegrenzten technischen Möglichkeiten auf iPhone-Kopfhörer, Beats-In-Ears, Studio-Monitore, teure Hifi-Lautsprecher oder auf Bluetooth-Boxen abspielen, während es natürlich nicht möglich ist, die Lieblingsschallplatte im Flugzeug oder in der Bahn zu hören. Auch wenn es klanglich natürlich Unterschiede zur nicht komprimierten Musik geben wird, so verliert Musik aus dem Netz doch nicht ihre Schönheit, ihre Kraft und ihre unendliche Impulsivität. Muss man ein Album auf Platte komplett hören, so kann man sich in den unendlichen Weiten des Streaming-Universums von einem Song zum nächsten treiben lassen und so bisher einem noch völlig unbekannte Künstler neu entdecken. Streaming-Abos seit dank.

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Kommt jetzt das große Aber? Die Nachteile von Streaming-Flatrates

Dadurch, dass man sich durch die Streaming-Portale treiben lassen kann, entdeckt man vielleicht auch neue Künstler, aber je mehr Songs unterschiedlicher Künstler gespielt werden, desto mehr müssen auch die, meist für die Musiker ohnehin schon geringen, Einnahmen auch noch aufgeteilt werden. Hat man sich als Normal-Konsument früher vielleicht drei CDs oder fünf Vinylscheiben im Monat gekauft, so zahlt man dank Spotify und Co. jetzt monatlich nur noch einmal einen Betrag, der unter dem Verkaufspreis einer CD liegt. Und dieses Geld, meist um die 9,99 Euro, wird dann auch noch auf viele verschiedene Musiker aufgeteilt.

Aber Musiker sollten Streaming als Chance begreifen

Ein großer Vorteil der Streaming-Portale ist ohne Zweifel, dass man Musik darüber sehr schnell sehr weit streuen kann. Da diesen vermeintlichen Vorteil natürlich auch viele andere unbekannte Bands und Künstler ebenfalls nutzen wollen, ist der Kampf um die potentiellen Hörer wie das Schwimmen in einem Haifischbecken. Den Moment, an dem ein unbekannter Künstler realisiert, dass ein Song von ihm schon zwei Millionen gestreamt wurde, werden wohl nur ganz Wenige erleben. Deshalb sollte man als unbekannter Musiker das Streaming nicht als Gelddruckmaschine ansehen. Peter Tschmuck, Professor am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst, sagte dazu in einem Interview gegenüber irights.info: „Man muss das Streaming so wie Radio betrachten: als Promotion-Werkzeug, nicht als Einnahmequelle. Es hat sich in der Vergangenheit kein Künstler großartig darum gekümmert, wie oft er im Radio gespielt wird. Gewiss war es toll, wenn man einen Hit in den Radios hatte und von den Verwertungsgesellschaften Tantiemen ausbezahlt bekam, aber sie waren nie im Fokus. Es ging bei Radio immer um die Promotion für den Tonträgerverkauf. Bei den Rezipienten jedoch geht der Trend unaufhaltsam zum Streaming. Für mich ist Streaming schlicht das Radio des 21. Jahrhunderts. Wenn Künstlerinnen und Künstler da nicht dabei sein wollen, schaden sie sich selbst. Bei Streaming geht es genau so wenig um die Einnahmen wie beim Radio, aber man muss diese Plattformen dennoch für sich zu nutzen wissen. […]“

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Welchen Musikern nutzt das Streaming und wer hat eher wenig davon?

Entweder man entscheidet sich den uralten Plattenvertrag aus Zeiten, in denen noch massig CDs verkauft wurden, nach zu verhandeln und somit die eigenen Einnahmen als Musiker aus dem Streaming-Geschäft zu erhöhen oder man ist noch in der komfortablen Position, ungebunden zu sein und seine Songs selbst ins Netz stellen zu können. Ersteres beruht darauf, dass viele Labels das Streaming gegenüber den Musikern immer noch genauso abrechnen wie den Verkauf einer CD. So wird mancher Künstler immer noch mit lediglich fünf bis sechs Prozent an den Einnahmen aus dem Musikverkauf durch die Plattenfirma beteiligt. Wenn man nun aber bedenkt, dass Spotify für einen gestreamten Song laut dem Trendforscher Dr. Eike Wenzel nur 46 Cent direkt auszahlt und man davon dann nur fünf Prozent, also 2,3 Cent bekommt, dann wird man damit auch selbst nicht bei millionenfach aufgerufenen Liedern und Alben ganz schnell sehr reich. Also muss nachverhandelt werden. Peter Tschmuck sagte dazu: „Bei neueren Verträgen werden im Digitalgeschäft – also auch für Downloads – von den Labels durchaus 50 Prozent ausgeschüttet.“ Dann gäbe es pro Play eines Songs immerhin 23 Cent. Das reicht dann in kleinen Mengen zwar auch noch nicht zum Überleben, ist aber bei vielen Plays doch wesentlich attraktiver. Das aber selbst bekanntere Bands so ihre Probleme mit den Erlösen aus dem Streaming haben, hatte vor kurzem Geoff Barrow, der Kopf der Band Portishead, auf Twitter öffentlich gemacht: Er gab an 1.700 Britische Pfund für 34 Millionen Streams von Portishead-Titeln, also lächerliche 0,0065 Euro-Cent pro Aufruf, zu verdienen.

Da scheint wohl jemand nicht richtig mit seinem Plattenvertrag ins digitale Zeitalter hinübergekommen zu sein. „Da ist jeder selbst auf sein Verhandlungsgeschick angewiesen.“, wie Dr. Tilo Gerlach, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), kürzlich gegenüber swp.de sagte.

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Also am besten einfach selbst das Zepter in die Hand nehmen!

Nicht jeder Künstler kann sich die Freiheiten herausnehmen, sich dem Streaming-Markt komplett zu verweigern, wie es etwa die Toten Hosen, Herbert Grönemeyer oder Adele tun. Also empfahl Peter Tschmuck allen Musikern: „Noch besser ist es, wenn die Künstlerinnen und Künstler das Digitalgeschäft selbst in die Hand nehmen. Sie können direkt zu Content-Aggregatoren gehen. Das sind Unternehmen, die die Musikdateien weltweit in Downloadshops und Streamingservices einstellen. Diese bieten unterschiedliche Erlösmodelle, mit prozentualer Beteiligung oder mit festgesetzten Zahlungen. Dazu gehören beispielsweise Zebralution in Deutschland, Rebeat in Österreich, The Orchard in den USA oder Believe Digital in Frankreich und Deutschland. Diesen Anbietern muss man keine Rechte übertragen, sondern man behält sie selbst. […] Dort fließt auch beim Streaming ein Großteil der Einnahmen an die Künstlerinnen und Künstler. Man muss sich mit diesen Systemen ein bisschen auskennen, kann dann aber wesentlich mehr herausholen als bei Verträgen mit Plattenlabels.“ Noch sind also nicht alle Felle davongeschwommen. Man sollte zumindest seine Verträge mit den Plattenfirmen ganz genau kennen, sollte wenn möglich nachverhandeln, um die neuen digitalen Möglichkeiten zum Geldverdienen besser in den Vordergrund zu rücken und zu nutzen. Aber vor allem sollte man selbst aktiv werden, wenn es um die digitale Verwertung der eigenen Musik geht.

Bilder: © Paul Carless, Shawn Tron, Eddy Berthier, Flickr

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