Studio-Kopfhörer: Nur für das Recording oder auch für den Mix?

Studiokopfhoerer_2016_01

Betritt man ein professionelles Tonstudio, dann findet man neben dem Mischpult, den Boxen, jeder Menge Verstärker, Mikrofone und sonstigem Technik-Kram meist auch ein paar Studio-Kopfhörer, die an der Wand hängen und auf ihren nächsten Einsatz warten. Doch für was sind sie überhaupt geeignet? Brauchen sie lediglich die Musiker beim Recording oder kann sie auch der Audio Engineer für seinen Mix nutzen? In diesem Artikel soll der Frage auf den Grund gegangen werden und die Technik der Kopfhörer mal ein wenig genauer unter die Lupe genommen werden.

Boxen vs. Kopfhörer

Es ist wohl eine der am häufigsten gestellten Fragen unter den Tontechnikern: Taugen Studio-Kopfhörer nur für das Recording oder auch für den Mix? Oder braucht man für beide Aufgaben am Ende auch noch unterschiedliche Kopfhörer? Ein äußerst komplexes Thema, das an dieser Stelle einmal näher beleuchtet werden soll. Aber wie so oft im Leben, gibt es auf schwierige Fragen meist keine einfache Antwort, die alle zufriedenstellt. Um es vorweg zu nehmen: Idealerweise nimmt man für das Mixing Aktivmonitore, deren Signale man selbst gut einordnen und deuten kann und wo man nach dem Hören sofort weiß, ob und was noch zu ändern ist. Die Kopfhörer kommen eigentlich nur bei der Endkontrolle noch eimal zum Einsatz, wenn es um absolut feine Details im Mix geht. Die Headphones sind also so sparsam wie möglich einzusetzen und nur dann, wenn es wirklich um feinste Nuancen geht.

Studiokopfhoerer_2016_02

Das spricht gegen Kopfhörer beim Mix

Beim Abmischen mit Boxen gehen der linke und der rechte Kanal ineinander über, was beim Hören mit dem Kopfhörer natürlich nicht der Fall ist. Bei der Kopfhörerwiedergabe entsteht der Ton zudem im Kopf des Hörers selbst und nicht vor dessen Nase, deshalb ist ein Hören über die Headphones im gewissen Maße unnatürlich und wiederspricht den lange eingeübten Hörgewohnheiten. Wenn man dann den Mix über die beiden Ohrmuscheln bearbeitet, wird man versuchen, diesen natürlichen Höreindruck wieder herzustellen, was dann aber leider beim Hören über die Monitorboxen wieder nicht gut klingen wird. Des Weiteren wird auch beim Mischen über Kopfhörer oft nicht das ganze Stereopanorama ausgeschöpft. Auch ein Grund, warum ein Kopfhörermix über die Lautsprecher dann meist etwas schmal klingt. Zwar haben Headphones eine sehr gute Detailwiedergabe, aber genau das kann für den großen Gesamteindruck manchmal auch zum Problem werden, da man sich zu leicht in unwichtigen Details verliert. Das kostet wertvolle Zeit und zieht die Produktion unnötig in die Länge.

Studiokopfhoerer_2016_03

Aber was sind die Vorteile von Kopfhörern im Studio?

Stichwort Homerecording: Heutzutage hat nicht mehr jeder sein abgeschlossenes und entkoppeltes Studio weit weg von den empfindlichen Ohren der Nachbars-Oma. In Zeiten kleiner Budgets und eben gerade auch bei Anfängern wird das elterliche Wohnzimmer schnell zum Produktionsraum. Da dann nach einer langen und lauten Produktion die Nerven der Nachbarn nicht auch noch mit endlos scheinendem Mixing überstrapaziert werden sollen, sind Kopfhörer zur Wahrung einer guten Nachbarschaft sicher die bessere Wahl als laute, wummernde Boxen. Ein Vorteil der Kopfhörerkontrolle besteht auch in der fehlenden Raumakustik, denn gerade diese ist im heimischen Wohnzimmer meist alles andere als optimal und damit einer der größten Schwachpunkte beim Homerecording. Und was eben im vorangegangenen Abschnitt als Nachteil beschrieben wurde, also dass Headphones oft als „musikalische Lupe“ fungieren und Details sehr gut abbilden, kann eben auch ein Vorteil sein, wenn es darum geht, damit auch kleinste Fehler heraushören zu können. Es ist also wichtig, beide Instrumente beim Mixen, sowohl die Boxen als auch die Studio-Kopfhörer sinnvoll einzusetzen und so mit möglichst wenig Aufwand zu einem optimalen Ergebnis zu gelangen. Für die akustische Endkontrolle, gerade als Möglichkeit, Schwächen im Bassbereich zu lokalisieren, die sonst bei der Lautsprecherwiedergabe unter nicht idealen Bedingungen gerne überhört werden, sind Headphones prima geeignet.

Offenes oder geschlossenes System?

Bevor man sich einen Kopfhörer für das Studio zulegt, sollte man diesen auch einmal ausprobiert und eben ausführlich Probe-gehört haben. Denn nichts ist ärgerlicher, als ein Produkt, das einem nicht gefällt und vielleicht auch noch unangenehm beim langen Tragen ist, denn als Arbeitsgerät im Tonstudio sollte ein Kopfhörer schon optimal auf dem Kopf des Technikers sitzen und weder drücken, noch rutschen. Ein guter Kopfhörer hat einen möglichst neutralen Klang, erfindet nichts dazu und lässt nichts weg. Also nun zur Gretchenfrage: Offen oder geschlossen? Grundsätzlich sind beim geschlossenen Kopfhörer die Ohrschalen zur Umwelt hin abgeschlossen. Möglichst wenig dringt nach außen und nahezu nichts sollte nach innen ans Ohr dringen. Bei offenen Systemen ermöglichen mehr oder weniger große Öffnungen die Interaktion mit der Umwelt. Offene Systeme klingen meist natürlicher und liefern eine besserer Wiedergabe von tiefen Bässen, weil sich bei dieser Bauart die tief-frequenten Schallwellen auch nach außen ausdehnen können. Das sollte man aber nicht damit verwechseln, dass diese Bauweise mehr Bass liefert. Die Bässe klingen hier lediglich natürlicher. Der große Nachteil liegt darin, dass eben sowohl Geräusche von außen eindringen können, als auch Sound nach außen dringen kann. Das kann bei einer Gesangsaufnahme zu Problemen führen. Nämlich dann, wenn der Lautstärkepegel im Headphone sehr hoch ist und der Sänger nah am Mikrofon ist, so dass man später auf der Aufnahme neben der Stimme auch das Playback aus dem Kopfhörer vernehmen kann. Dieser Effekt wird mit einem geschlossenen Kopfhörer vermieden. Dieser ist in beide Richtungen bestens abgeschirmt, was aber auch zu Problemen führen kann. Zum einen wirken die Bässe dadurch schnell komprimiert und weniger natürlich und zum anderen fühlen sich Musiker, die diesen Höreindruck nicht gewohnt sind, dadurch schnell unwohl, wenn ein gewisser „natürlicher“ Schallanteil von außen fehlt. Deshalb ist es für einen Sänger meist sehr ungewohnt einen Song mit Hilfe eines geschlossenen Monitor-Systems einzusingen und auch der Studio/Mastering-Toningenieur wird meist zum offenen System greifen. Schlagzeuger, Gitarristen und Live-Tontechniker hingegen werden eher geschlossene Kopfhörer bevorzugen. Einen guten Kompromiss bieten hier halboffene Systeme.

Studiokopfhoerer_2016_04

Wichtige Tipps für den Kopfhörer-Kauf

Generell sollte man sich, wie vor jeder größeren Anschaffung, ein Budget festlegen. Ein nicht unwichtiger Aspekt sind die Verschleiß- und Zubehörteile, die es für diesen Kopfhörer gibt. Meist kauft man ja doch für eine langfristige und häufige Nutzung, nur leider haben manche Ohrpolster die unangenehme Eigenart, sich schon nach kurzer Zeit in Wohlgefallen auflösen zu wollen, was dann meist in schwarzen Ohren des Trägers mündet, denn der dünne, meist schwarze Kunststoffüberzug ist nicht für die Ewigkeit gemacht. So sollte man sich vorab informieren, ob man Ohrpolster separat nachkaufen kann, denn nichts ist ärgerlicher, als ein Kopfhörer, den man wegen einem defekten Polster ausrangieren muss, auch wenn die restliche Technik noch tadellos funktioniert. Ein weiteres Teil, auf dem manchmal unachtsam herumgetrampelt wird, ist das Kabel. Das sollte ebenfalls austauschbar sein. Zum einen kann dadurch eine Beschädigung des Anschlusses vermieden werden, da das Kabel sich, eine Steckverbindung vorausgesetzt, von selbst von der Ohrmuschel löst und nicht herausgerissen werden kann, wenn man einmal aus Versehen drauftritt. Und dadurch besteht dann auch die Möglichkeit eines einfachen Wechsels bei einem Kabelbruch. Wer plant, den Kopfhörer auch einmal woanders als im Studio zu nutzen und diesen mit auf Reisen, zum Joggen oder mit in den Supermarkt zu nehmen, der kann von einer kompakten Baugröße dank eines Faltmechanismus und von einem Trageetui für den sicheren Transport profitieren. Ganz wichtig ist aber eben, den Kopfhörer vor dem Kauf auszuprobieren, auf den Klang und auch auf einen angenehmen Tragekomfort zu achten, damit auch an einem langen Studio-Tag nichts kneift und drückt. Generell sollte man für die Endkontrolle beim Mixing einen offenen Kopfhörer der etwas höheren Preiskategorie, d.h. ab etwa 200 Euro aufwärts, kaufen. Für den bloßen Einsatz beim Recording tun es auch etwas günstigere Modelle, von denen man dann mehrere im Angebot haben kann, damit sich die Musiker daraus ihren Lieblingskopfhörer für die Aufnahme auswählen können.

Bilder: © Sennheiser, AKG

Allgemein, Instrumente, Songwriting , , ,

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.