Jazzmusiker in Deutschland: Großes Können – kleiner Verdienst?

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Eigentlich wurde der Jazz vor einigen Jahren schon totgesagt. Diese Musik will doch niemand mehr hören, es gibt zu wenig Nachwuchs, die Lage der Clubs ist schwierig – das waren nur einige der Argumente, die es damals zu hören gab, aber dennoch steigt glücklicherweise die Zahl der jungen Leute, die diese Musik für sich entdecken, die sich dafür an den Hochschulen einschreiben und die nach einem erfolgreichen Studium Jazzbands gründen und damit durch das Land touren. Aber vielleicht liegt auch gerade in dieser großen Zahl der gut ausgebildeten Musiker eines der Hauptprobleme der Jazzmusiker in Deutschland, denn eine vor kurzem erstmals erstellte Studie über den Verdienst der Jazzer hat prekäre Verhältnisse zu Tage gefördert. Wir beleuchten in diesem Artikel einmal den Lebensalltag der Jazzer hierzulande mit ihrem kleinen Verdienst und informieren über eventuelle Auswege aus dieser Misere.

Jazz bewegt die Massen – auch hierzulande

Der Jazz ist keineswegs nur eine Musik fürs stille Kämmerlein, in dem sich eine Hand voll Liebhaber dieser Musik trifft und jede Note des Gespielten genau analysiert. Große Festivals wie die Jazzwoche Burghausen, das noch relativ junge Berliner xjazz-Festival oder auch die Leverkusener Jazztage mit Tausenden von Besuchern zeigen, dass diese Musik auch eine breite Masse anspricht und in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Viele Konzertgänger schreckt diese zuweilen doch manchmal schwer zugängliche Musik ab, aber das ist wohl nicht das eigentliche Problem der Jazzmusiker in Deutschland. Die nun erstmals angefertigte Jazzstudie 2016, eine Befragung des Instituts für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim unter Führung dessen Leiters Thomas Renz in Zusammenarbeit mit dem Darmstädter Jazzinstitut und der Union Deutscher Jazzmusiker hat jetzt die Lebensumstände der Jazzer in unserem Land untersucht.

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Die nackten Fakten

An dieser wissenschaftlichen Studie beteiligten sich gut 1.860 Musiker aus dem Jazzbereich. Ausgehend von den bei der Künstlersozialkasse (KSK) versicherten Musikern sind das etwa 40 % der Jazzer in Deutschland. Aber Renz muss auch gleich einschränken: „Die Frage nach der Repräsentativität dieser Teilnahmezahlen lässt sich nur bedingt beantworten, da die Grundgesamtheit der Jazzmusiker/-innen schlicht unbekannt ist.“ Drei Viertel der Studienteilnehmer gaben dabei an, dass sie weniger als 50 Auftritte im Jahr spielen und dass Gagen pro Musiker unterhalb von 50 Euro keine Seltenheit seien. So gaben genau 50 % der Jazzer an, jährlich weniger als 12.500 Euro zu verdienen. Vom Jazz alleine kann somit niemand aus dieser Gruppe leben. Die meisten Musiker geben nebenbei Unterricht oder haben einen anders gearteten Nebenverdienst im Medienbereich oder in der Gastronomie. Betrachtet man nur die Einkommen aus selbstständigen Jazzauftritten und Unterrichtstätigkeiten, sind es sogar knapp 70%, die weniger als 12.500 Euro jährlich verdienen. Nur etwa 10 % der Studienteilnehmer gaben an, jährlich mehr als 20.000 Euro zu verdienen. Würden diese Ergebnisse in anderen Branchen wie beispielsweise in der Autoindustrie zu Tage gefördert, wäre der nächste Streik vorprogrammiert, aber die zu einem Großteil selbstständig tätigen Jazzer sind eben sehr wenig in Verbänden organisiert und ihnen fehlt einfach der klassische Arbeitsgegner oder der Tarifpartner. Einen Unterschied, ob ein Jazzmusiker männlich oder weiblich ist, macht es für die Bezahlung übrigens überhaupt nicht, denn beide Gruppen werden gleich, soll heißen, gleich schlecht, bezahlt. Wenn man daraus dennoch etwas Positives ziehen will, so könnte man höchstens meinen, dass sich im Jazz ganz von alleine und auch ohne gesetzliche Frauenquote sowie ohne staatlichen Zwang eine gleiche Bezahlung von Mann und Frau durchgesetzt hat.

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Ein jüngeres Publikum – Chancen und Gefahren

Für viele ist der Jazz der neue Pop und viele junge Leute entdecken diese Musik für sich. Ihnen stehen die Kompositionen der populären Musik der vergangenen Jahrzehnte dank digitaler Medien ständig zu Verfügung und so vermischt diese neue Generation das Beste aus Vergangenheit und Gegenwart zu einem spannungsgeladenen Mix. Daraus ergibt sich die Chance, diese Musik aus den überalterten Jazzclubs herauszuholen, sie von der „Silver Generation“, also 60+, abzulösen und sie in den Fokus eines jungen, neugierigen und vor allem viel breiteren Publikums zu rücken. Doch genau darin liegt wohl auch eines der großen Probleme. In diesem Haifischbecken der Musikrichtungen muss sich der Jazz gegen die elektronische Musik und die Spielarten der Rockmusik erst einmal durchsetzen. Zwar klingt der mit Popelementen und bekannten Sounds vermischte Jazz für die Jugend erst einmal neu und damit interessant, aber die Vielzahl der guten Angebote bedingt eben leider auch eine große Streuung beim Publikum und birgt auch die Gefahr in sich, dass sich gerade erst neu gewonnene Zuhörer schnell wieder anderen Musikstilen und anderen Clubs zuwenden. Zudem kann es sich ein junger Mensch in der Ausbildung nicht dreimal im Monat leisten, ein Jazzkonzert für je 20 Euro pro Abend zu besuchen und damit die Musiker zu unterstützen.

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Das können die (jungen) Musiker selbst tun

Aber warum wird man denn angesichts dieser miesen Aussichten eigentlich heute noch Jazzmusiker? Ein Teil der Antwort auf diese Frage ist, dass es zu Beginn der Musikerlaufbahn noch relativ viel Förderung gibt. In vielen Bundesländern gibt es Jugend-Bigbands, es gibt jede Menge Musikwettbewerbe und Preise für Nachwuchskünstler und auch eine erstklassige Ausbildung an renommierten Hochschulen wie in Osnabrück oder Köln. Ist das Studium dann aber erst einmal erfolgreich beendet, so gibt es auf einmal kaum noch eine Förderung. Hier muss in der Zukunft, ähnlich wie bei der Sportförderung, eine Nachwuchsarbeit in der Breite stattfinden. Aber dem Druck, etwas für den persönlichen Erfolg tun zu müssen, kann beispielsweise Dieter Manderscheid, Jazzprofessor in Köln, laut einem Interview gegenüber MDR Figaro auch etwas Positives abgewinnen: „Es ist eben nicht so ohne weiteres möglich, dass man sich komplett verschanzt im eigenen Elfenbeinturm und seine Musik fernab der Realität draußen konzipiert. Da gibt es einfach Schnittpunkte. Wie immer gibt es Leute, die damit leichter umgehen können und diejenigen, die das Fähnlein mehr in den Wind drehen, bis hin zu denjenigen, die gerade daraus ihren Anreiz beziehen, sich gegen den Strom zu stellen. […] Das sind Musiker, die setzen sich auseinander mit ihrer Realität, und zwar in der ganzen Bandbreite.“ Eine ganz klare Forderung also, sich nicht zu sehr hinter seinen eigenen Noten zu verstecken, sondern auch mal fernab des eigenen Genres zu suchen und damit eine neue, für das Publikum interessante Nische zu füllen.

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Hier sollte die Politik ansetzen

Da sollte vor allem in einer stark verbesserten Förderung angegriffen werden und zwar in allen Bereichen der breitgefächerten Jazzer-Gesellschaft. Angefangen von einer breiteren Musikförderung bei Kindern und Jugendlichen über eine bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen bis hin zur forcierten Künstlerförderung. Auch das Gagenniveau muss verbessert werden. Ein erster wichtiger Schritt ist der jährlich ausgelobte Preis für die Spielstätten, der den Gewinnern dieses Wettbewerbs einen größeren finanziellen Rahmen und damit eine höhere Gagenausschüttung an die Künstler erlaubt. Die schon, wenn auch noch recht spärlich vorhandenen, Förderprogramme, seien es Musikerbezogene oder Projektbezogene, vom Bund und den Ländern müssen mehr in den Fokus der Akteure und der Öffentlichkeit gerückt werden. Auch eine Absicherung der Künstlersozialkasse muss langfristig gewährleistet sein und auch das Problem der sicheren Altersvorsorge der Musiker muss angepackt werden, damit sich ein Jazzer auch mit 90 Jahre nicht noch gezwungen sieht, auf der Bühne stehen zu müssen. Die Situation der Jazzmusiker in Deutschland ist derzeit nicht gerade rosig, aber genau diese Situation bietet eben auch vielfältige Chancen zur Besserung, wenn diese richtig genutzt und ausgereizt werden.

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Bilder: © Juan Martin Koch, Philipp Rücker, Peter Massas, ataelw, Tom Marcello, Flickr

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